Jupp

© Rudolf Jagusch
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Früh am Morgen machte sich Josef Kull auf den Weg. Die Wolken hatten sich verzogen, die aufgehende Sonne ließ den Himmel am östlichen Horizont rosa aufleuchten. Bodennebel lag wie eine weiße, flauschige Bettdecke über den Feldern. Die Gehöfte schienen auf Wolken zu schweben. Kurz vor der Zufahrt zur Kläranlage bog er auf den Hof seines Vaters ein. Karl Kull saß wie immer in dieser frühen Morgenstunde auf einer Bank links neben dem Hauseingang, das Kinn auf seinen Krückstock aufgelegt. Eine dicke Jacke und eine Decke über den Beinen schützten ihn vor der Novemberkälte. Josef parkte seinen Wagen neben dem rostigen Güllefass und stieg aus. Bevor er etwas sagen konnte, fuhr Karl ihn an: »Was machst du denn schon so früh hier?«
»Noch einmal schlafen, dann musst du hier raus, schon vergessen?«, erwiderte Josef verärgert. Er ließ sich neben seinem Vater auf die Bank fallen. Dieser schnaufte verächtlich. Josef ignorierte es und ließ seinen Blick wandern. Rechts ragte der rote Turm der Dorfkirche in die Höhe. Wehmut flammte in Josef auf. Unzählige Male hatte er in seiner Kindheit hier Platz genommen. Sofort bereute er den Ausbruch von eben. In versöhnlichem Ton sagte er: »Dir wird es im Altenheim gefallen.«
Sein Vater schob trotzig den Unterkiefer vor und starrte in die Ferne. »Ich kann hier nicht weg. Basta«, stellte Karl fest. »Du kennst doch hier jeden Pomadehengs. So ein Erbpachtrecht kann doch verlängert werden. Ich brauch auch keine neunundneunzig Jahre mehr. Wenn du ein Wort einlegst, dann …«
»Nichts dann«, unterbrach Josef verärgert. »Wegen so einer Lappalie werde ich niemanden bemühen!«
Karl sah Josef mit schmalen Augen an. »Lappalie, soso. Das ist es also für dich. Mein ganzes Leben habe ich hier in dem Haus verbracht und du nennst es eine Lappalie. Du bist hier groß geworden. Bedeutet es dir nichts?«
Josef fröstelte. Es lag nicht an der morgendlichen Kälte. Vielmehr hatte die Stimme seines Vaters einen gefährlichen Unterton angenommen, den er zuvor noch niemals bei ihm gehört hatte. »Vater, finde dich …«
»Dein Vater war ganz anders. Nicht so, wie du. Zwar auch ein Arschloch, aber zumindest ein hilfsbereites.«
Josefs Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er gerade richtig gehört? Ungläubig sah er Karl an. Dieser lächelte diabolisch. »Da staunst du, nicht? Ist das auch nur wieder eine Lappalie für dich?«
Josef versuchte, aus Karls Mimik zu erforschen, ob er einen schlechten Scherz mit ihm trieb. Ohne Erfolg.
»So ein Quatsch! Das sagst du nur, um mich zu verunsichern«, entgegnete Josef. »Es wird dir nichts helfen. Die Würfel sind gefallen.«
Karl lachte kehlig. »Kannst von mir aus so `nen Lügendings-Test machen lassen, wenn du mir nicht glaubst.«
Das Nicken seines Vaters bekräftigte die Worte. Josef wurde es heiß und kalt gleichzeitig. »Ich glaub dir kein Wort.«
Karl zischte. »Deine selbstgefällige Art kotzt mich an. Du bist kalt und gefühllos geworden, denkst nur noch an dich. Es wäre ein Leichtes für dich gewesen, mir zu helfen. Aber nein, der Herr Bürgermeisterkandidat hat wichtigere Dinge zu erledigen. Wird Zeit, dass du mal ins Schwitzen kommst.«
»Du sprichst in Rätseln, du seniler, alter, widerspenstiger Bock«, gab Josef wütend zurück.
Karl warf die Decke zur Seite und stemmte sich, auf seinen Stock gestützt, in die Höhe.
»Das werden wir noch sehen. Komm rein frühstücken. Ich werde dir dabei ein Geheimnis verraten.«

***

Eine Scheibe geräucherter Schinken mit Fettrand thronte auf der Brotscheibe. Josef sah zu, wie sein Vater genüsslich kaute. »Mhm, lecker«, bemerkte Karl und schnalzte mit der Zunge.
»Wie lange willst du mich noch auf die Folter spannen?«, fragte Josef. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch.
Karl hob erstaunt die Augenbrauen. »Warum so nervös? Wir haben doch den ganzen Tag Zeit.«
Josef platzte der Kragen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: »Wenn du mir nicht sofort erzählst, was das Gefasel mit meinem angeblichen Vater auf sich hat, dann, dann, äh, dann …«
Karl lachte. »Was dann? Womit willst du drohen? Mein Haus und Hof hast du mir ja schon genommen …«
»Nicht ich. Deine Erbpacht wurde nicht verlängert.«
»Wie auch immer, mir kann man nicht mehr drohen.«
Resignierend zuckte Josef mit den Schultern. Ein verfaulter Geruch machte sich in der Küche breit.
»Der Wind hat gedreht«, bemerkte Karl beiläufig, während er die letzte Ecke seines Brots kaute. »Die Kläranlage ist das Einzige, was mir nicht fehlen wird.«
Er schlürfte an seinem Kaffee. »Also gut, dann werde ich dir mal eine Geschichte erzählen.«
Josef beugte sich vor. »Da bin ich mal gespannt, was du mir für ein Märchen auftischst.«
Karl schnaubte verächtlich durch die Nase. Seine grauen Nasenhaare bewegten sich wie Schilf im Wind. »Es war einundfünfzig. Ich war gerade erst drei Jahre aus der Gefangenschaft zurück. Damals kam Jupp öfter hier vorbei, ein Landstreicher. Sah aber nicht so aus, wie man sich das üblicherweise vorstellt. Bis auf seinen fehlenden Schneidezahn im Oberkiefer sah er gut aus, groß, schlank, kantiges Kinn und kräftig wie ein Ochse. Sagte, er hatte von den Clochards in Paris gelernt, gepflegt auszusehen und freundlich zu sein. Dann käme man als Landstreicher besser aus. Er sprach sogar mit französischem Akzent, spielte den Mann von Welt, wusste, wie man die Frauen beeindrucken konnte.«
Karl breitete die Arme aus und lachte leise. »Anfänglich mochte ich ihn, er half mir hin und wieder beim Melken, beim Ausmisten oder bei der Ernte, halt bei dem, was gerade anlag. Dafür wurde er bei uns verköstigt, und er durfte in der Scheune übernachten. Oder ich drückte ihm Käse und Wurst in die Hand als Verpflegung für seine Wanderschaft. Es hätte noch Jahre so weitergehen können. Doch dann fiel mir auf, wie er immer häufiger um deine Mutter herumscharwenzelte und ihr schöne Augen machte. Deiner Mutter gefiel es. Was konnte ich als Bauer aus dem Vorgebirge, mit schwieligen Händen und einfacher Schulbildung, auch entgegensetzen? Was zählen schon Treue und Fleiß, wenn ein seidiger Kater um die Frau herumstreift und ihr wilde Dinge ins Ohr schnurrt? Und dann kam der zwanzigste Mai.« Karl brach ab, starrte auf den Tisch.
»Was war am zwanzigsten Mai?«, drängte Josef.
Erst reagierte Karl nicht. Plötzlich blinzelte er, sah mit einem verwirrten Ausdruck in den Augen auf und sagte tonlos: »Da habe ich Jupp getötet.«

***

Der Stuhl fiel um, als Josef aufsprang und nach Luft schnappte. »Quatsch!«
»Kein Quatsch«, erwiderte Karl. »Setz dich.«
Josef gehorchte. Mein Vater ist ein Mörder, hämmerte es in seinem Kopf.
»Es war ein sonniger, heißer Tag, der zwanzigste Mai. Jupp stand neben mir, mit entblößtem Oberkörper. Immer wenn deine Mutter über den Hof schritt, lächelte er ihr zu, spannte dabei seine Muskeln an. Meine Eifersucht wuchs mit jeder Kelle Jauche, die wir aus der Grube holten. In meinen Ohren rauschte es, rote Punkte tanzten mir vor den Augen. Nie wieder habe ich solch eine Wut empfunden. Erst als Jupp in der riesigen Jauchegrube schwamm, an den gemauerten Wänden keinen Halt fand und ich immer wieder die eiserne Kelle auf seinen Kopf hieb, bis er schließlich still in der trüben Flüssigkeit lag, setzte mein Verstand wieder ein. Deine Mutter stand erstarrt neben mir, eine Minute, zwei, fünf. Erst als ich die Jauchekelle auf den Boden warf und ihr reumütig mitteilte, dass ich zur Polizei gehen würde, rührte sie sich wieder.« Karl schluckte. »Deine Mutter fragte mich, warum ich es getan habe. Weil ich dich liebe, rief ich. Du kannst dir vorstellen, dass ich eine Standpauke erwartete, einen Aufschrei der Entrüstung, wütende Fausthiebe.«
Josef nickte.
»Nichts Derartiges geschah. Du bist verrückt, sagte deine Mutter, und sie hatte sicherlich recht. Ich sah sie an, erwartete Abscheu oder Wut. Aber sie lächelte!« Karl sah Josef eindringlich an. »Kannst du dir das vorstellen?«
Josef schüttelte den Kopf.
»Kurze Zeit später wurde mir klar, warum sie so reagiert hatte. Aber eins nach dem anderen. Sie fragte mich, ob wir noch die Ziegelsteine und den Mörtel besäßen, die ich für den Anbau des Stalls eingelagert hatte. Ich sah sie verwirrt an, nickte sprachlos. Lass uns anfangen, sagte sie, schnappte sich die Jauchekelle, die Jupp fallen gelassen hatte, und begann, die Grube leer zu schaufeln. Ich machte es ihr nach. Wir legten Jupp trocken, zogen ihn heraus, brachten ihn in den Keller und mauerten ihn ein.« Karl zuckte mit den Schultern. »War einfacher, als gedacht.«
Josef bemerkte, dass sein Mund offen stand. Er schloss ihn und schluckte trocken. »Was für eine Räubergeschichte«, er lachte unsicher. »Das hast du dir doch gerade ausgedacht. Warum sollte Mutter mitgemacht haben? Ich glaube dir kein Wort!«
»Du vergisst die Zeit, in der das alles passierte«, erklärte Karl. »Die Felder bestellte ich mit einem Ochsen, von einem eigenen Auto träumte ich noch nicht einmal. Eine Leiche mit einem Ochsenzug über die Straße zu transportieren, um sie irgendwo zu vergraben, war viel zu gefährlich und zeitaufwendig. Und hier in der Nähe vergraben? Da hätte uns doch jemand sehen können.«
Josef hob die Hände über den Kopf. »Okay, okay. Aber dass Mama da mitgemacht hat, kann ich einfach nicht glauben.«
»Sie hatte einen gewichtigen Grund.« Karl schürzte die Lippen und machte einen amüsierten Eindruck. »Kannst du dir vorstellen, wie Anfang der Fünfziger das Leben einer alleinstehenden Frau aussah, die einen Bastard großzog?«
Josef wedelte mit der Hand in der Luft herum. »Ja klar kann ich das. Kurz nach dem Krieg war …« Er brach ab, starrte Karl fassungslos an.
Der nickte. »Ja, so schließt sich der Kreis. Deine Mutter war von Jupp schwanger. Wir hatten somit beide eine Leiche im Keller.«
Josef sprang auf, ging in der Küche auf und ab. Er wandte sich zu Karl um, der sich ein weiteres Brot mit Schinken belegte. »Hat sie ihn geliebt?«, fragte Josef. »Ich meine, wenn sie ihn geliebt hat, dann kann ich ihr Verhalten überhaupt nicht verstehen.«
Karl schüttelte den Kopf. »Es war nur die Abwechslung, eine Art Spiel. So hat deine Mutter mir das gebeichtet.«
»Ein Spiel?«
»Na, ihr nennt es heute anders. Won-Neight-Ständ, oder?«
Trotz der unmöglichen Situation musste Josef lachen. »Ja, so heißt es.«
Karl grinste, biss in sein Brot und kaute genüsslich. »Möchtest du den Rest auch noch hören?«, fragte er mit vollem Mund.
Josef machte eine auffordernde Handbewegung.
»Wir rührten also den Mörtel an und mauerten drauflos. Dabei erzählte sie mir, dass sie schwanger war. Hat mich ziemlich umgehauen, kann ich dir sagen, tolles Pfund, voll in den Magen. Ich weiß noch, dass ich den Ziegelstein, den ich gerade in den frischen Mörtel habe drücken wollen, fallen ließ.«
»Mach es kurz«, unterbrach Josef. »Du warst zwar sauer, aber rausschmeißen konntest du Mama nun nicht mehr, stimmt’s?«
Karl nickte. »Genau, in dieser Situation hatte ich keine Wahl. Ich schluckte also die Kröte, und wir schufteten weiter bis spät in den Abend. Dann melkte ich die Kühe, und deine Mutter zauberte ein Abendessen. Sie war wie ausgewechselt. Ich spürte, dass eine große Last von ihr abgefallen war. Als ich aus dem Stall kam, standen frische Pellkartoffeln und eingelegte Heringe auf dem Tisch.«
Josef lachte laut auf. »Dein Lieblingsessen. Ich fasse es nicht. Jetzt erzähl mir nur noch, dass sie zum Nachtisch Stachelbeerspeise gemacht hatte.«
Karl hob die Augenbrauen, zuckte mit den Schultern. »Esse ich heute noch am liebsten.«
»Ich glaub es nicht«, stöhnte Josef auf und stützte den Kopf in seine Hände. »Ein Leichenschmaus!«
»An den folgenden Tagen waren wir sehr aufgewühlt«, erzählte Karl weiter. »Wir gingen unserer Arbeit nach, und jedes Mal, wenn jemand auf dem Hof auftauchte, fürchtete ich Fragen nach Jupp. Doch niemand forschte nach. Uns wurde schließlich klar: Niemand vermisst einen Tippelbruder.« Karl hielt einen Moment inne, sprach dann mit sanfter Stimme weiter: »Das Ereignis mit Jupp schweißte uns zusammen. Seitdem wusste ich erst, wie sehr ich deine Mutter liebte.«
Sie schwiegen. Der faulige Geruch der Kläranlage hatte zugenommen. Für Josef war es, als ob er die Leiche im Keller riechen könnte. Langsam lief sein Gehirn wieder an. Was wäre, wenn jemand die Wand abreißt und die Leiche findet? Wie wahrscheinlich war das? Zumindest nicht unmöglich, der Hof sollte schließlich modernisiert werden. Wenn sich herausstellen würde, dass der Mann, der ihn großgezogen hatte, ein Mörder war? Und seine Mutter das Ganze gedeckt hatte, weil sie einen Bastard aufzog. Er hasste dieses Wort, doch ihm fiel gerade kein anderes ein, um das Dilemma zu beschreiben. Ein gefundenes Fressen für die Pressefritzen. Seine politische Karriere würde ein jähes Ende haben, der Traum seiner Frau von der Firstlady zerplatzen. Das würde sie ihm übel nehmen. Und wer würde sich schon mit einem Versicherungsmakler abgeben, der als stadtbekannter Verlierer unterwegs war? Sein ganzes Leben stand auf dem Spiel.
Josef spürte, wie er schwitzte, und öffnete den obersten Knopf seines Hemds. Er sah forschend zu Karl. Der saß seelenruhig auf seinem Stuhl und lächelte. Und wenn es doch eine Räuberpistole war? Josef konnte es drehen und wenden, wie er wollte, er sah nur eine Möglichkeit, Gewissheit zu erlangen. Er stand auf, krempelte die Hemdärmel hoch und sagte: »Jupp muss weg!«

***

Josef hielt sich den Handrücken gegen den Mund und unterdrückte seinen Würgereiz. »Tatsächlich! Viel ist nicht mehr übrig.« Zwei Stunden hatte er mit Karls Bohrhammer die Steine bearbeitet, bis das Loch groß genug war, um an die Überreste zu gelangen. »Hat das«, Josef wies mit einer fahrigen Bewegung in Richtung des Skeletts, »bei der Verwesung nicht gestunken?«
Karl hustete, schüttelte den Kopf. »Das Gewölbe über uns ist meterdick, da dringt nichts durch.«
»Na dann.«
Josef nahm den bereitgelegten Kartoffelsack und zwängte sich durch das kleine Loch in den Hohlraum. Vorsichtig fasste er den Totenschädel. Der Unterkiefer löste sich und fiel rumpelnd auf die Rippen. Erschrocken zuckte Josef zurück und stieß mit seinem Hinterkopf an die Wand. Der Schmerz ließ ihn weiße Punkte sehen. »Scheiße!«
Er hörte Karl kichern. »Der Fluch des Tippelbruders.«
Am liebsten hätte Josef dem alten Mann den Hals umgedreht, doch er zwängte seine Wut zurück und machte sich daran, den Kartoffelsack zu füllen. Zehn Minuten später kroch er rückwärts aus dem Loch, stand auf und klopfte sich den Staub ab. »So. Das hätten wir.«
Karl deutete auf den Sack. »Da schauen Knochen raus.«
»Sind die Oberschenkel. Passen nicht ganz rein.«
»Pass auf, dass die keiner sieht.«
Josef stutzte und blickte zu Karl. Er wurde das Gefühl nicht los, dass der alte Mann sich köstlich amüsierte. »Was ist denn so lustig daran?«, fuhr Josef Karl wütend an.
Karl winkte ab, schlurfte zur Treppe und stieg keuchend die Stufen hinauf. Dabei lachte er leise vor sich hin.
Josef schaute ihm verständnislos hinterher.

***

Am Nachmittag packte Josef weiter Umzugskisten. Die längeren Knochen hatte er mit einer Stahlsäge zersägt, sodass er den Sack schließlich oben zubinden konnte. Endlich setzte die Dämmerung ein. Er warf den Sack in den Kofferraum seines Wagens und machte sich auf den Weg. »Jupp, Jupp, Jupp«, murmelte er vor sich hin, als er am Flussufer entlangfuhr. Den Parkplatz zur Linken ließ er unbeachtet. Hundert Meter weiter hielt er an und schaute sich um. Niemand in der Nähe. Gut. Mit klopfendem Herzen zerrte er den Sack aus dem Kofferraum. Die Knochen rasselten hohl aneinander. Das Geräusch trieb Josef eine Gänsehaut auf die Unterarme. Ächzend legte er den Sack in einem Gebüsch ab. Vielleicht hätte er doch ein paar Ziegelsteine weniger einpacken sollen? Wären die Knochen nicht schon schwer genug gewesen, damit der Sack für immer am Grund des Rheinlaufs bleiben würde? Quatsch. Man kann schließlich nicht vorsichtig genug vorgehen.
»Was machen Sie denn da?«
Josef wirbelte herum. Hinter ihm stand ein breitschultriger Fahrradfahrer. Schweiß brach Josef aus allen Poren. »Äh, ich …«, stammelte er drauflos, wurde jedoch brüsk unterbrochen. »Einfach hier seinen Müll entsorgen, das haben wir gerne!«
»Nein, nein, es ist nicht so, wie es aussieht«, erklärte Josef und wedelte abwehrend mit den Händen in der Luft herum.
»Ach nein? Wie dann?«
Josef setzte an, doch ihm fiel spontan keine Ausrede ein. Für einen kurzen Moment rechnete er sich seine Chance aus, den Fahrradfahrer niederzuschlagen und dann abzuhauen. Doch der Mann schien eine Nummer zu groß für ihn zu sein. Resignierend drehte er sich um, fasste den Sack mit beiden Händen und schleppte ihn wieder in den Kofferraum.
»Aha!«, sagte der Radfahrer, und Josef hörte Triumph in dessen Stimme. »Ich habe Ihr Autokennzeichen im Kopf. Sollte hier irgendetwas gefunden werden, dann werde ich Sie melden, da können Sie sicher sein.«
Der Mann trat in die Pedale und fuhr an. Josef sah ihm hinterher, wartete darauf, dass er in der Ferne verschwinden würde. Doch diesen Gefallen tat der Mann ihm nicht. In gut hundert Meter Entfernung blieb er stehen und wartete. Die Silhouette hob sich deutlich im Licht des aufgehenden Mondes von der Umgebung ab. »Mist«, fluchte Josef und stieg in seinen Wagen. Kurz darauf fuhr er an dem Radfahrer vorbei, der ihm nochmals mit einer lässigen Geste zuwinkte. Josef zeigte ihm den Mittelfinger.

***

Eine halbe Stunde fuhr Josef ziellos durch die Gegend, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können.
Jupp, Jupp, Jupp, hämmerte es in seinem Kopf.
Jupp?
Josef?
Jupp!
Josef!
Er trat in die Bremsen, hieb wütend mit den Fäusten auf den Lenkradkranz. Jupp ist die Abkürzung von Josef. Seine Mutter und Karl hatten tatsächlich die Frechheit besessen und ihn nach seinem Vater benannt. Wütend legte er den Gang ein und fuhr weiter. Wie abgebrüht!
Am Ortseingang eines kleinen Dorfes bemerkte Josef links auf einer Wiese einen großen Holzhaufen. Er verringerte die Geschwindigkeit. Wofür schichtet man solch einen Haufen Holz auf? Plötzlich fiel es ihm ein. Ein Sankt-Martins-Feuer! Das Feuer würde nicht alle Spuren beseitigen, aber sicherlich eine Identifizierung unmöglich machen. Er parkte seinen Wagen am Straßenrand, blieb minutenlang im Dunkeln sitzen. Der Motor knackte, ansonsten war es still. Einige Einfamilienhäuser standen hier. Bei allen waren die Rollläden heruntergelassen. Josef holte noch tief Luft, dann stieg er aus.

***

Karl saß in seinem mit Umzugskisten vollgestellten Wohnzimmer und schaute fern, als Josef sich in den Sessel fallen ließ. »Meine Schwiegertochter hat angerufen und nach dir gefragt«, sagte Karl, ohne den Blick von dem Fernsehbild abzuwenden.
Josef rieb sich die Augen. Jetzt, wo die Anspannung von ihm abfiel, fühlte er sich müde und abgekämpft. »Was hast du ihr gesagt?«
»Dass du heute Nacht hier bleibst, da noch so viel zu erledigen ist.«
»Gut.« Josef holte sich ein Wasser aus der Küche, blieb mit dem Glas in der Hand im Türrahmen stehen. Im Fernseher lief ein halbseidener Erotikfilm, und Karl sah glücklich lächelnd zu. Die Ereignisse des Tages schienen ihn nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Die Gleichgültigkeit machte Josef wütend.
»Interessiert dich nicht, wo ich Jupp entsorgt habe?«
»Nö«, antwortete Karl, ohne den Blick von der barbusigen Schauspielerin abzuwenden.
Josef hieb mit der Faust gegen den Türrahmen, Wasser schwappte aus seinem Glas zu Boden. »Ich habe dir heute deinen Arsch gerettet, und du sitzt hier und tust so, als ob das alles ganz normal wäre.«
Karl griff nach der Fernbedienung, die auf dem Tisch lag, und reduzierte die Lautstärke. Er sah Josef mit zusammengekniffenen Augen an. »Erstens: Du hast nicht mir den Arsch, sondern deine politische Karriere gerettet. So verkalkt bin ich noch nicht, dass ich die Zusammenhänge nicht auf die Reihe kriege.« Er machte wieder lauter und wandte sich ab.
Josef wollte empört protestieren, aber etwas, was Karl erwähnt hatte, schwirrte unablässig in seinem Kopf herum. Josef versuchte, es zu greifen. Plötzlich wusste er, was ihm aufgefallen war. »Erstens?«, rief er, ging auf Karl zu. »Was meinst du mit erstens?«
»Wie?«, fragte Karl, glotzte weiter auf den Fernseher.
Josef trat vor ihn. »Was ist mit zweitens?«
Karls Augen funkelten, und er grinste breit. »Ach ja, zweitens.«
»Ja?«
»Weißt du, es hatte damals gut geklappt mit Jupp. Und als ich dann keine drei Jahre danach mal meine Finger nicht bei mir behalten konnte, da, na ja, kannst du dir ja denken.«
Josef schüttelte verwirrt den Kopf. »Finger? Was kann ich mir denken? Red mal Klartext!«
Karl lächelte spitzbübisch, als er erklärte: »Sie hieß Martha. Ostflüchtling. Sah süß aus, die Kleine.« Karl hob den Zeigefinger und schüttelte ihn. »Aber mit ihrer Schwangerschaft erpressen lassen, das wollten wir uns nicht. Da waren deine Mutter und ich uns einig.«
Josef schnappte nach Luft. Seine Beine gaben nach, und er setzte sich ächzend auf den Boden. Schwindel packte ihn, und er stützte den Kopf in seine Hände. »Und was habt ihr, also, äh …«
Karl lachte. »Weißt du, wir hatten noch Ziegelsteine und Mörtel übrig. Im Keller, gegenüber von Jupp.«
Josef stöhnte. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Fieberhaft suchte er nach einer Lösung. Die Mauer einreißen? Aber die Zeit für die Beseitigung der Leiche würde kaum noch reichen, bevor die Spedition hier erschien.
»Ich hab dir ja gesagt, ich kann hier nicht weg«, sagte Karl, und er hörte sich an wie ein trotziges Kind. »Aber du wolltest partout nicht auf mich hören.«

***

Die Flammen schlugen lodernd in den Himmel. Der Morgen graute bereits am Horizont. In der Ferne hörte Josef Martinshörner näher kommen. Die Feuerwehr würde zu spät kommen, um noch etwas zu retten. Josef spürte die Hitze auf seinen Wangen. Karl saß auf dem Beifahrersitz.
»Die werden dich als Brandstifter drankriegen«, nuschelte er. »Und Martha werden sie vermutlich trotzdem finden.«
Josef lachte. »Mich drankriegen? Ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen, um dich zu retten, schon vergessen?«
Er streifte die Handschuhe ab. »Es werden überall nur Spuren von dir zu finden sein. Wenn überhaupt, wirst du als Brandstifter überführt. Aber egal, mit ein bisschen Glück schieben sie den Rest einfach zusammen, und deine Martha wird nie wieder das Licht der Welt erblicken.«
»Du bist wahnsinnig«, grummelte Karl.
Josef grinste, sah Karl zufrieden an und nickte. Dessen Brustkorb bebte, und für einen Moment glaubte Josef, der alte Mann würde heulend neben ihm zusammensinken. Jetzt tat ihm Karl doch ein wenig leid. Plötzlich aber lachte dieser prustend. »Was ist?«, fragte Josef irritiert.
Karl hieb sich einige Male auf den Oberschenkel. Draußen fuhr der erste Löschzug vor. Männer mit beigen Stahlhelmen sprangen heraus und rollten Schläuche aus. Karl holte keuchend Luft. »Es gab keine Martha.«
»Wie?«
»Keine Martha. Die habe ich erfunden. Mensch, was für ein Spaß, dich mal schwitzen zu sehen.«
Karl krümmte sich vor Lachen und kniff Josef in die Wange. »Was für ein Spaß. So einen netten Männerabend sollten wir beide öfter machen.«