© Rudolf Jagusch
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Der Honda Zwölfzylinder brüllt im Heck wie ein wütender Löwe. Ritchie Günther schwitzt unter seinem Helm, starrt zum Mann mit der Startflagge, der langsam den Arm hebt. Das Publikum an der Strecke springt auf.
Ritchie steht auf Position zwei hinter Graham Hill. Dessen BRM pustet schwarze Wolken aus dem Auspuff, kleine Ölsprenkler verschmutzen Ritchies Visier.
Die Fahne fällt.
Der ohrenbetäubende Lärm der Rennwagen lässt die Luft vibrieren. Ritchie schaltet durch das Getriebe, klebt an Hills Heck, geht hinter ihm in die Kehre auf die Gegengerade. Wütend drückt Ritchie das Gaspedal durch. Das Heck schlingert, doch es kümmert ihn nicht. Heute würde er Hill nicht davonziehen lassen.
Er wollte dabei sein, wenn Hill stirbt.
»Scheißkerl«, flucht Ritchie und setzt sich am Streckenabschnitt Hocheichen schräg hinter Hill. Ritchies Schläfe pulsiert, sein Jagdinstinkt ist geweckt. Er hetzt Hill über den Flugplatz. Immer wieder fixiert er dabei die hintere Radaufhängung an Hills Wagen. Wie lange würde es dauern, bis die Aufhängung bricht? Bis Ritchie in den Genuss seiner Rache kommen würde? In der Fuchsröhre macht Hill einen kleinen Fahrfehler, verliert Drehzahl. Ritchie hätte es ausnutzen können, doch er bleibt hinter seinem Konkurrenten. Hill kennt die Grüne Hölle nicht so wie Ritchie, der hier in Adenau geboren und aufgewachsen ist. Jeden Stein kennt Ritchie, jede Bodenwelle, die Streckenposten, das unberechenbare Wetter.
Dagegen kennt Hill nur eine Person aus Adenau – Ritchies Frau, und diese besser als es Ritchie lieb ist.
Gestern Abend stand Hills Austin vor Ritchies Haus. Eigentlich hatte Ritchie nicht vorgehabt nach Hause zu fahren, wollte mit seinen alten Schulfreunden einen drauf machen und am Morgen direkt ins Fahrerlager kommen. Doch eine Magenverstimmung zwang ihn bereits gegen Mitternacht die Sauftour abzubrechen. Hills grüner Austin fiel ihm nicht sofort auf. Erst als er vor der Haustür nach seinem Schlüssel suchte und über ihm aus dem geöffneten Schlafzimmerfenster plötzlich Helgas wollüsternes Stöhnen erklang und er sich irritiert umblickte, fiel bei ihm der Groschen.
Die Einfahrt ins Karussell holt Ritchie ins Rennen zurück. Hier muss er sich einhundertprozentig konzentrieren. Zu viel Gas würde ihn aus der Steilkurve tragen, bei zu wenig Gas würde er wertvolle Zeit verlieren. Sein Honda rumpelt über die Betonsegmente, das Chassis hängt sekundenlang links tiefer. Perfekt. Weiter geht es zur Hohen Acht.
Drei Stunden hatte Ritchie im Mondlicht in der Ruine der Nürburg gesessen, geflucht, geheult, wütend nach Steinen getreten. Dann endlich war ihm der teuflische Plan eingefallen. Alles in ihm schrie nach Rache.
Er fand seinen Kumpel Jürgen in einem der Wohnwagen bei einer Pokerrunde im Fahrerlager. Entschlossen zog er ihn aus dem mit Zigarettenrauch vernebelten Inneren hinaus in die milde Nachtluft. »Hör zu!«, zischte Ritchie. »Ich habe doch noch was gut bei dir, oder?«
Jürgen sah ihn irritiert an.
»Ohne mich hättest du den Mechanikerposten bei Hill nie bekommen. Jetzt stell dich also nicht blöder an, als du bist. Pass jetzt auf!« Ritchie erläuterte seinen Plan.
Jürgen hörte mit wachsendem Erstaunen zu.
Eingang Döttinger Höhe. Ritchie zieht neben Hill. Rad an Rad jagen sie in Richtung Tiergarten.
Jürgen hatte sich gesträubt, wollte nicht an Hills Wagen schrauben. Doch Ritchie hatte ihn unter Druck gesetzt. Er wusste von Jürgens Sucht nach Alkohol, schönen Frauen und dem Pokerspiel, von den horrenden Schulden. Ein Gentleman wie Hill würde einen solchen Mechaniker in seinem Team niemals dulden. Aber ohne den gut bezahlten Job im Rennzirkus würde Jürgen schnell als weiteres Opfer der skrupellosen Geldeintreiber enden. Zähneknirschend hatte Jürgen schließlich eingewilligt.
Die Tachonadel tanzt über die Zweihundertermarkierung, immer weiter in Richtung Dreihundert. Ritchie schielt nach rechts, zu Hill. Seelenruhig sitzt sein Konkurrent im Sitz. Nicht mehr lange, denkt Ritchie. Bei dem Tempo kann es nur noch Sekunden dauern. Er lässt sich zurückfallen, will nicht in die Schusslinie des ausbrechenden BRMs geraten.
Ein kaum vernehmliches Knacken dringt an Ritchies Ohren. Er runzelt die Stirn. Der Wagen bockt, bricht aus. Gezielt lenkt Ritchie gegen, doch es hilft nicht. Der Honda stellt sich quer, schiebt sich von der Rennstrecke, knallt mit voller Wucht in die Leitplanke, hebt ab.
Das letzte, was Ritchie sieht, bevor der Wagen in einem Feuerball explodiert, ist der strahlendblaue Himmel. Kaiserwetter. Genauso hatte die Sonne gelacht als er Helga zum ersten …
Hill schmeißt seinen Helm auf den Asphalt und kämpft sich aus dem Cockpit. Er dreht sich um, schaut mit versteinerter Miene auf die schwarze Wolke, die deutlich gegen den klaren Himmel zu sehen ist. Sein Mechaniker Jürgen brüllt ihm ins Ohr. »Ritchie. Dead.« Hill nickt, senkt den Kopf und verlässt die Boxengasse. Eine Frau steht am Eingang zur Garage, weint hemmungslos. Er weiß, dass es Ritchies Frau ist, nimmt sie kurz in den Arm, flüstert ein paar tröstende Worte. Sie reagiert nicht darauf, schüttelt nur immer wieder den Kopf. Hill lässt sie in Ruhe. Er spürt, dass er der Frau seines Fahrerkollegen nicht Trost spenden kann.
Jürgen kontrolliert den BRM. Die losen Schrauben hatte er heute Morgen in aller Eile wieder angezogen. Hill ist ein echter Kumpel. Niemals würde Jürgen es zulassen, dass diesem Gentleman etwas zustößt. Auch wollte er nicht auf den Austin verzichten, den Hill ihm ab und zu großzügig auslieh. Nur gut, dass das Hondateam vorhin noch so lange in den Federn gelegen hatte. So hatte er ungesehen Ritchies Wagen manipulieren können.
Dieser Drecksack!
Erpressen ließ sich Jürgen nicht.
Verstohlen späht er zu Helga. Was für eine Schauspielerin. Richtig gut.
Das verlogene Luder.
Bei jeder Gelegenheit hatte sie ihren Ehemann nach Strich und Faden betrogen.
Jürgen lächelt stumm.
Nur gut, dass Ritchie gestern Abend nicht ins Haus gekommen war. Jürgen hasste es, in flagranti erwischt zu werden.
Erleichtert stieß er Luft aus und half seinen Kollegen, Hills Wagen in die Garage zu schieben.

