© Rudolf Jagusch
Keine Veröffentlichung oder Vervielfältigung ohne Zustimmung.
Es war wieder einer dieser Tage, an dem ich besser nicht aufgestanden wäre. Erst unter der Dusche war mir aufgefallen, dass der Durchlauferhitzer die Grätsche gemacht hatte. Verdammt, war das Wasser eisig gewesen, mit meiner Gänsehaut hätte ich eine Türzarge abschleifen können. Dann war meine Karre nicht angesprungen, und so musste ich mit der überfüllten Straßenbahn zur Arbeit fahren. Um mich herum hatten dick eingemummelte Gestalten mit roten Nasen gestanden, die niesend und hustend ein schniefendes Virenkonzert gaben. Es käme einem Weihnachtswunder gleich, sollte der Grippekelch jetzt noch an mir vorübergehen.
Und die graue Suppe vor meinem Bürofenster konnte man nicht wirklich als Wetter bezeichnen. Ein knackig kalter Winter, und dabei strahlend blauer Himmel über Köln? Unvorstellbar. Eher sehe ich irgendwann den Dom ohne Gerüst, als bei minus fünfzehn Grad am Rheinufer mit Sonnenbrille auf der Nase bummeln zu können.
Zu allem Überfluss hatte sich auch noch meine Sekretärin krank gemeldet. In der Adventszeit geschah das leider häufiger. Angeblich eine Migräne. Ich hielt einen dicken Schädel von allzu viel Glühwein für wahrscheinlicher. Meine Sekretärin liebte Weihnachtsmärkte und machte daraus auch kein Geheimnis.
Ich seufzte.
Wie auch immer, ich musste mich heute um alles allein kümmern. Ich brühte mir einen Kaffee auf, setzte mich in meinen Bürostuhl, und schaltete das Radio ein. George Michael schnulzte Last Christmas. Disharmonisch wie ein Bär, den man gerade unsanft aus dem Winterschlaf gerissen hatte, summte ich mit. Den Song konnte man einfach nicht oft genug hören. Ich lehnte mich nach hinten und legte die Füße hoch.
Wie sah eigentlich mein Terminkalender aus? Ich schnappte mir mein Tablet, öffnete die Kalender-App und rief den heutigen Tag auf. In einem zarten Hintergrundgelb leuchtete mir eine absolut leere Spalte entgegen.
Shit!
Wenn das so weiter ging, blieb mir nichts anderes übrig, als bald die Branche zu wechseln. Mit ehrlicher Arbeit, wie Leuten hinterherzuspionieren, war anscheinend kein Geld mehr zu verdienen. Ich nippte am Kaffee und ging meine Optionen durch. Wer stellte einen gescheiterten Privatdetektiv ein? Das Ordnungsamt? Womöglich. Und dann? Knöllchen schreiben und sich von wütenden Falschparkern anraunzen lassen? Keine reizvollen Aussichten. Dann lieber noch Kaufhausdetektiv. Bei dem Beruf hatte man zumindest ein Dach über dem Kopf und musste nicht bei Mistwetter durch die Straßen ziehen.
Die Türglocke schlug an. Widerwillig mühte ich mich aus dem Stuhl. Vermutlich war das der Gerichtsvollzieher. In den letzten Wochen war der öfters in meiner Kanzlei anzutreffen als meine Sekretärin.
Rasch legte ich mir Ausreden zurecht, warum ich meinen Zahlungsverpflichtungen immer noch nicht nachgekommen war, und öffnete schwungvoll die Tür.
Es war nicht der Gerichtsvollzieher.
Ich musste gestorben sein, von einer Sekunde auf die andere. Schlaganfall, Blitzschlag, plötzlicher Herztod, irgendetwas, was einen förmlich aus dem Leben reißt. Vermutlich hatte ich gerade nicht meine Kanzleitür geöffnet, sondern die Himmelspforte.
Vor mir stand ein Engel. Eine blondgelockte, atemberaubende Schönheit mit der Figur einer kurvigen Colaflasche lächelte direkt in mein Herz hinein.
Mein Puls beschleunigte in dem Bruchteil einer Sekunde von sechzig Schlägen pro Minute auf Technobeat-Frequenz. Ich schätzte sie auf Mitte dreißig, somit in etwa in meinem Alter.
»Sebastian? Sebastian Ernst?«, fragte sie mit einer zuckersüßen Stimme.
Ich schluckte hart und zog es sicherheitshalber vor zu nicken. Meine Zunge fühlte sich wie gelähmt an.
»Darf ich reinkommen?«
Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Verdammt, ich starrte sie an wie ein Pubertierender, der zum ersten Mal eine Frau nackt sah. »Sicher«, presste ich hervor und führte sie ins Büro.
Sie betrachtete meine Diplome, die an den Wänden hingen. »Beeindruckend«, kommentierte sie. »Ein Master in Detektivität? Ich wusste gar nicht, dass es so einen Abschluss überhaupt gibt.«
Gab es auch nicht. Ich hatte meine Urkunden mit Photoshop gebastelt und mir dabei alles Mögliche einfallen lassen. Konnte schließlich nicht schaden, ein wenig zu protzen. Bei der Masterurkunde hatte ich einige Whiskys im Kopf gehabt.
Ich räusperte mich. »Was führt Sie zu mir?« Lieber zur Sache kommen, bevor sie bei der Urkunde »Diplom-Detektiv der Inspektor-Columbo-Universität Los Angeles« ganz rechts stutzig werden könnte.
Sie wandte sich mir zu. »Erkennst du mich nicht?«
Ihr Lächeln führte mich in eine andere Sphäre. Ich fühlte mich leicht wie eine Feder. Und diese Augen. So rein und klar wie ein Gebirgssee unter einem blauen Himmel. »Wir kennen uns?«, murmelte ich erstaunt. Ich war mir sicher, niemals zuvor diesem wunderschönen Engel begegnet zu sein.
Sie kicherte. »Du hast dich überhaupt nicht verändert. Immer noch der Witzbold von damals.«
»Damals?«, echote ich verzaubert, riss mich dann zusammen. Bevor ich mich ganz in ihren Augen verlor, sollte ich besser Professionalität an den Tag legen. Immerhin musste ich Geld verdienen, wollte ich weitere Kuckucke vermeiden. Was kann ich denn für Sie … äh … dich tun?«
Sie kam näher, stellte sich vor mich und legte mir ihre Hand auf die Brust. Ihr Parfüm umschmeichelte meine Geruchsknospen wie gasförmig gewordene Seide.
»Nun«, ihre Mundwinkel zuckten amüsiert, »du sollst mir helfen, meinen Mann zu ermorden.«
***
Was soll ich zu meiner Verteidigung sagen? Ich konnte dem Engel einfach nichts abschlagen. Klar, anfangs weigerte ich mich, mitzumachen. Doch sie wickelte mich gekonnt um ihren Finger, nutzte ihre weiblichen Reize schamlos aus. Ich war das Opfer, sie der Jäger. Die Rollen waren eindeutig verteilt. Ich fühlte mich wie ein scheues Reh auf der Landstraße, das paralysiert im Licht der Scheinwerfer eines heranrasenden Wagens stand. Irgendwann schaltete sich mein von ihrer Schönheit verklärter gesunder Menschenverstand endgültig aus, und ich sagte ihr meine Hilfe zu. Nun, wo die Liebe hinfällt, nicht wahr?
Tatsächlich kannten wir uns. Wir waren gemeinsam zur Schule gegangen. Nur war Angela, so hieß der Engel passenderweise, damals eine graue Maus gewesen, ein Stock in der Landschaft. Weibliche Rundungen hatte man vergebens gesucht. Nichts für einen so oberflächlichen Kerl wie mich.
Angela war immer schon ein kluges Köpfchen gewesen. Sie besaß einen analytischen Verstand und war ein ausgezeichnetes Organisationstalent. Durchaus also eine lohnenswerte Partie, die eine aussichtsreiche Zukunft versprach. Allerdings hatte mich das alles als Jugendlicher nicht die Bohne interessiert. Damals wollte ich einfach nur die heißesten Bräute flachlegen. Was für ein Mistkerl ich doch gewesen war.
Angela wusste genau, was sie wollte. Sie hatte alles bis ins Detail ausgearbeitet. Knapp vier Wochen blieben uns für die Vorbereitung. Wir trafen uns in meiner Wohnung, übten jeden Tag, gingen alles immer und immer wieder durch. Mein Engel war eine Perfektionistin, wollte nichts dem Zufall überlassen. Ich tat mich schwer. In ihrer Nähe konnte ich mich kaum konzentrieren. Damit brachte ich sie mehr als einmal in Rage. Davon konnte ich wiederum nicht genug bekommen. Mann, wütend war sie noch schöner, einfach hinreißend niedlich. Dann funkelten ihre Augen, als wären Blitze dort eingeschlagen, und die samtweichen Lippen verformten sich zu einer honigsüßen Schnute.
Meistens endeten diese Ausbrüche im Bett. Angela war in diesen Phasen ausgesprochen hingebungsvoll. Einfach zum Niederknien!
Von mir aus hätte es ewig so weitergehen können.
Doch das Leben ist kein Wunschkonzert. Rascher, als es mir lieb war, kam der Tag, an dem ich den Preis für die himmlischen Nächte zahlen musste.
***
Es war der Tag vor Heiligabend.
Die Pistole lag schwer in meiner verschwitzten Hand.
Ich horchte, stand hinter der einer spaltbreit geöffneten Tür und wartete auf das Stichwort. Mein Puls wummerte in meinen Ohren, in meinem Bauch schien sich eine fette Schlange zu winden. Ich kämpfte gegen die Übelkeit an. Auf der Fahrt hierher nach Köln-Deutz hatte ich bereits zweimal am Straßenrand anhalten müssen.
»Du bist ein Schwein!«, hörte ich Angela rufen.
Ein spöttisches Lachen erklang. Ihr Ehemann Bert. Oder war es Bernd gewesen? Mist, ich konnte mich nicht daran erinnern. Die Aufregung forderte ihren Tribut.
»Was willst du dagegen unternehmen, Schätzchen?« Bert-Bernd wieder. Er genoss die Situation, man hörte es, jedes Wort klar und deutlich, selbstsicher und ohne Zittern. »Wenn du gehst, werde ich dir und deiner verkommenen Sippe den Geldhahn abdrehen. Dann ist Schluss mit den rauschenden Partys und den Shoppingtouren. Und glaub nicht, du kannst irgendwann wieder angekrochen kommen. Ich trete dich in die Gosse, solltest du hier wieder auftauchen.«
»Das kannst du nicht machen«, heulte Angela auf. »Du … du … schuldest mir was.«
»Ich dir?«
»Ich habe dir meine Unschuld und die besten Jahre meines Lebens geopfert.«
»Alles Schall und Rauch, aus und vorbei.« Bert klang kalt wie ein Fisch.
Angela weinte. »Wenn nicht dafür, dann für deine Eskapaden. Du hast mich betrogen! Stellst du dir so eine Ehe vor? Habe ich nicht allein dafür eine Abfindung verdient?«
»Blödsinn! Ich habe nur das getan, was alle tun. Vollkommen normal.«
»Rumhuren? Das ist für dich normal?«
»Das ist biologisch so gewollt, Schätzchen. Ich bin ein Mann. Wir müssen die Art erhalten, das ist unsere Aufgabe.« Wieder lachte er. »So, jetzt ist Schluss mit dem Palaver. Du hast den Ehevertrag unterschrieben. Punkt! Haust du ab, dann bekommst du keinen müden Cent. Du hast dich damals darauf eingelassen. Ich bestehe auf den Vertrag.«
»Aber ich war dir doch immer treu!«, heulte Angela auf, » Und ich bin bei dir geblieben, selbst als du mich geschlagen hast.«
Ich holte tief Luft. Gleich war es soweit, gleich musste ich dem Kerl zeigen, wer am längeren Hebel saß. Ich kannte ja die Geschichte, wusste alles über diesen Bert-Bernd. Er war ein Widerling, der alles und jeden skrupellos ausnutzte. Während das Ganze hier dem Höhepunkt zustrebte, bewies er es zum letzten Mal.
»Für die Schläge habe ich mich bei dir entschuldigt«, sagte Bert-Bernd. »Das muss reichen. Und meine Ansicht über Treue kennst du: Die Frau muss brav sein, ein Mann darf überall rein.« Wieder sein dreckiges Lachen. »Daraus habe ich übrigens nie einen Hehl gemacht.«
»Ich habe gedacht, du würdest dich ändern.«
»Falsch gedacht.«
Ich schob die Tür ein Stück weiter auf, sah durch den Spalt. Angela stand in einen Mantel gehüllt neben ihrem Reisekoffer, Bert-Bernd saß auf dem Sessel und trank einen Bourbon. Die vier Kerzen des Adventskranzes leuchteten und vermittelten etwas unwirklich Heimeliges. Ein Christbaum stand in der Ecke, mit roten Kugeln und Lametta geschmückt.
»Du bist so ein … Arschloch!«, zischte Angela. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres Mantels die Tränen fort.
Bert-Bernd grinste, zuckte mit den Achseln, und winkte lässig mit der freien Hand zur Tür hinaus. »Geh, wenn du gehen willst. Ich werde dich nicht aufhalten. Aber rechne mit nichts.«
»Ist das dein letztes Wort?«, fragte Angela.
»Da kannst du Gift drauf nehmen.«
Angela straffte sich. »Dann habe ich noch ein Geschenk für dich.«
Mein Stichwort.
Ich schob die Tür vollständig auf und schritt mit der Pistole im Anschlag auf Bert-Bernd zu.
Er sprang auf. Der Bourbon schwappte über den Rand seines Glases und benetzte seine Hose. Es sah aus, als hätte er sich eingenässt. »Wer sind Sie?«, fragte er in einem scharfen Ton.
Angela lachte höhnisch auf und antwortete an meiner statt: »Ich habe mich lange genug von dir demütigen lassen. Gleich wirst du deinem Schöpfer gegenübertreten und anschließend in der Hölle schmoren.«
Bert-Bernd schüttelte langsam den Kopf, dann lächelte er schelmisch. Er wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und wandte sich Angela zu. »Du hast doch nicht wirklich einen Killer auf mich angesetzt?« Dabei zeigte er auf mich, als wäre ich ein Möbelstück, das er kaufen wollte.
Angela ging zur Bar und schüttete sich einen Gin ein. Jetzt wirkte sie kühl und überlegen. Ihre Hände zitterten nicht einmal, als sie die Eiswürfel mit der Zange aus der Vorratsbox nahm und in das Glas fallen ließ. Genüsslich schlürfte sie einen Schluck. »Räuber haben in der Vorweihnachtszeit Hochkonjunktur, Bernd. Wusstest du das?«
Bert hieß also Bernd. Wie hatte mir das nur entfallen können.
Er stürzte den restlichen Bourbon herunter. »Natürlich weiß ich das.« Die Knöchel seiner Finger stachen weiß hervor, derart fest hielt er das Glas. »Ich weiß nur nicht, was das hiermit …« Er brach mitten in seiner ausholenden Geste ab, sah von Angela zu mir und zurück. »Moment mal! Das hier soll doch nicht …« Er wedelte mit dem Zeigefinger in der Luft herum, als würde er Angela zur Räson bringen wollen. »Du willst doch nicht etwa einen Raubmord vortäuschen?«
»Von wollen kann keine Rede sein«, sagte Angela, » ich werde.«
»Du bist und bleibst ein Miststück«, spie Bernd aus.
Angela hob spöttisch eine Augenbraue. »Ich hatte einen guten Lehrmeister.« Mit einem Kopfnicken wies sie mich an, den Abzug durchzuziehen.
Ich blieb ungerührt stehen.
»Was ist? Worauf wartest du?«, fragte sie.
Bernd schmunzelte. Er kam auf mich zu, legte mir einen Arm um die Schultern. »Tja, geliebtes Eheweib, da staunst du, nicht wahr?« Er klopfte mir aufmunternd auf den Rücken, stellte sich dann vor den Christbaum und wickelte spielerisch Lametta um den Zeigefinger.
Erstaunt sah mich Angela aus ihren süßen Kulleraugen an.
»Er hat es rausbekommen«, erläuterte ich. »Er zahlt das Doppelte.«
Angela schüttelte den Kopf. »Nein … nein … das kann nicht sein. Und unsere … die Nächte? Hast du das vergessen? Wir sind doch … wir sind füreinander bestimmt.«
Verächtlich schnaubte Bernd durch die Nase und wandte sich uns zu. »Sieh an, das zum Thema Treue, du Schlampe.«
»Mit uns ist es doch vorbei«, rechtfertigte sich Angela. »Du dagegen …«
»Schluss!«, ging ich dazwischen. Ich wollte hier schließlich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag herumstehen.
Bernd lächelte siegessicher.
Angela schluckte hörbar.
Wie in Zeitlupe hob ich die Pistole, legte an, und schoss. Der Knall ließ meine Ohren klingeln.
Angela zuckte zusammen, Bernd lachte für einige Sekunden, dann verstummte er. Ungläubig sah er an sich herab. Ein Blutfleck breitete sich auf seinem weißen Oberhemd aus. »Was …?«, fragte er, taumelte einen Schritt zur Seite, versuchte dabei, sich am Christbaum festzuhalten. Er fasste einen Zweig, stolperte weiter. Der Baum krachte mit Getöse zu Boden, Kugeln zersprangen klirrend. Bernd ließ los, hielt sich aber immer noch auf den Beinen und kam auf mich zu. Er schien mich würgen zu wollen. Doch er erreichte mich nicht mehr. Wie von einer unsichtbaren Wand aufgehalten, stoppte er, drehte sich halb und fiel rücklings auf das Sofa. Er seufzte laut und anhaltend, zuckte noch einmal, seine Muskeln erschlafften, dann war es vorbei.
Angela stürmte heulend in meine Arme.
»Alles gut«, tröstete ich sie.
Sie sah auf. Ihr Lidstrich löste sich auf und hinterließ dünne Bahnen auf den Wangen. »Du hast dich für mich entschieden, nicht für das Geld.«
Ich hob ihr Kinn und küsste sie zärtlich auf die Lippen.
»So soll es doch an Weihnachten sein. Das Fest der Liebe, nicht wahr?«
***
Bert-Bernd, der im richtigen Leben Kai hieß, bestellte eine weitere Runde Glühwein. »Auf den Erfolg!«, rief er aus, als jeder ein Getränk in den Händen hielt.
Die Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt am Kölner Dom war ausgezeichnet. Alle, die zu dem Erfolg beigetragen hatten, waren mitgekommen. Es schneite, die Meteorologen versprachen eine weiße Weihnacht, die erste im Rheinland nach mehr als sechs Jahren. Meine Sekretärin stand etwas abseits und spähte verlegen zu mir herüber. Es war ihr peinlich, dass ich sie vorhin entdeckt hatte, schließlich hatte sie sich heute Morgen wieder bei mir krankgemeldet. Ich genoss das, hatte aber beschlossen, nichts weiter zu unternehmen. Schließlich war Weihnachten, und ich hatte dieses Jahr aufgrund des schlecht laufenden Geschäfts kein Weihnachtsgeld für sie erübrigen können. Sie hatte es klaglos hingenommen. Dafür hatte sie Nachsicht verdient.
»Was für ein Applaus! Hammer!«, jubelte Kai. »Mann, ich habe mich gefühlt … Wahnsinn! Habt ihr das gemerkt? Im letzten Akt? Das Publikum war mucksmäuschenstill gewesen. Die waren echt geflasht, haben mitgefiebert bis zum Ende. Danach könnte ich süchtig werden.«
»Ich nicht«, murmelte ich.
Angela knuffte mich in die Seite und kicherte. »Du warst großartig.«
»Mag sein. Aber solltest du zum fünfzehnjährigendreißigsten Abi-Jubiläum wieder auf die Idee kommen, ein Theaterstück in der Aula unserer ehemaligen Schule aufzuführen, dann rechne bitte nicht mit mir.« Ich grinste schief. »Ich bin vor Lampenfieber fast gestorben.«
»Das gehört zum Erfolg dazu. Und wir haben eine schöne Summe eingenommen. Die Kinderklinik wird sich über die Spende freuen.« Sie hakte sich bei mir ein und legte ihren Kopf an meine Schulter.
Mich durchströmte es warm, als hätte jemand einen Heizlüfter in meinem Innersten eingeschaltet.
Wir tranken in Ruhe den Glühwein aus und verabschiedeten uns dann von den anderen Darstellern, unseren ehemaligen Mitschülern.
Der Weg führte uns durch die Gassen des Weihnachtsmarktes, links und rechts standen die Holzbuden mit ihren Auslagen. Es roch nach gebrannten Mandeln, kandierten Früchten und Bratwürsten. Der Dom erstrahlte im Scheinwerferlicht, Schneeflocken wirbelten um die beiden Türme.
»Lass uns bitte noch die Krippe anschauen«, bat Angela. Sie fasste meine Hand und zog mich hinter sich her.
»Heh«, protestierte ich lachend, »warum so eilig?«
Wir betraten das Kirchenschiff und wandten uns nach links. Vor der Krippe blieben wir stehen.
»Morgen wird das Jesuskind hineingelegt«, sagte Angela. Sie drückte sich an mich und sah zu mir auf. Ihre Augen schimmerten feucht.
Meine Knie fühlten sich plötzlich wie aus Gummi an. Jetzt war also der Augenblick gekommen. Vor dem hatte ich mich insgeheim gefürchtet. Gleich würde mir Angela mitteilen, dass es eine schöne Zeit mit mir war, aber alles musste irgendwann ein Ende haben und so weiter und so fort, Rhabarber Rhabarber. Mit anderen Worten: Sie würde mir das Herz brechen. Ein Liedtext der Kölner Band Höhner kam mir in den Sinn: »Die Karawane zieht weiter, der Sultan hätt Doosch!« Angela würde also in Kürze zum Nächsten weiterziehen und dort ihren Durst stillen.
Ihr lief eine Träne über die Wange. »Ich muss dir was sagen.«
Mir war ebenfalls nach Heulen zumute. Doch ich wollte mich nicht einfach abservieren lassen. Dann doch besser stolz und aufrecht Rückgrat zeigen und den ersten Schritt tun. »Ist schon gut, machen wir kein großes Ding aus der Sache.« Ich schob sie sanft von mir und hielt sie an den Schultern auf Abstand. »Es war eine schöne Zeit mit dir. Dafür danke ich dir.«
Angela runzelte die Stirn. »Was redest du da für einen Unsinn?« Sie kicherte und schüttelte den Kopf. »Ist dir der Glühwein zu Kopf gestiegen?« Geschickt schlüpfte sie unter meinen Händen hindurch und drückte sich erneut an mich. »Hast du gerade wirklich geglaubt, dass ich dich verlasse?«
»Äh … nun ja … nein, natürlich nicht«, log ich.
»Na, Gott sei Dank.« Spielerisch stupste sie mit dem Zeigefinger meine Nasenspitze. »Denn ich bin sehr, sehr altmodisch.«
»Altmodisch?«
»Ich finde, ein Vater sollte bei der Geburt seines Kindes dabei sein.«
In meinem Kopf gähnte übergangslos Leere. Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
Erde an Sebastian Ernst, Erde an Sebastian Ernst. Kollisionswarnung! Sie nähern sich unbekanntem Terrain.
Ich schluckte. »Der Vater deines Kindes ist ein Mörder.« Sofort schalt ich mich innerlich einen Idioten. Warum nur versuchte ich stets, meine Gefühle hinter Geschwätz zu verbergen?
Angela kicherte, schien es mir nicht übelzunehmen. Auch dafür liebte ich sie.
Zärtlich nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände und stellte sich auf Zehenspitzen. »Du und deine Sprüche.« Sanft drückte sie mir einen Kuss auf die Lippen, und murmelte: »Du bist der beste Mörder, den ich mir vorstellen kann.«

